Da kommt uns plötzlich ein Bild in den Sinn, eine Videoprojektion zu Udo Zimmermanns "Weiße Rose" - aufgeführt mit einem Minimum an Mitteln von Studenten der HfM in der Zionskirche am Prenzlauer Berg. In einem reichlich altmodischen, hölzernen Leiterwägelchen zieht da eine junge Frau zwei Kinder über die Friedrichstraße: Vorbei an dicken Autos und durchgestylten Schaufensterauslagen, scheinen die beiden Kleinen zunächst aufgeregt zu staunen. Nach einer Weile jedoch, da sich nichts ändert, außer dass die Autos immer dicker und die Auslagen immer glitzernder werden, besinnen sie sich auf sich selbst - und fangen an zu spielen. Nur die Mutter zieht weiter und weiter durch die Straßen. Eine treffliche Metapher für den trügerischen Wandel der Zeit - und für das, was bleibt, ja bleiben soll? Barbara Sanderling, Leiterin der Abteilung B von 1996 bis 2000, hätte die Geschichte ohne Zweifel richtig gedeutet: "Alles, was neu ist, ist ja erst einmal gut. Mehr als zehn Jahre sind nun vergangen - und da hat sich doch einiges zurechtgerüttelt. Es gab auch im Osten Leute, die einen Kopf hatten." Sanderling, seit 1981 als Lehrbeauftragte an der Hochschule tätig und seit 1985 als festbestallte Kontrabass-Professorin, steht im Ruf, streng zu sein. Eine Frau, die oft und gern von Disziplin spricht. "Ich bin nur das, was ich meine, für meine Studenten sein zu müssen. Und was ich mir selber immer abverlangt habe." Alles bloß eine Frage verrohender Umgangsformen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, so ganz im Allgemeinen? "Ach wissen Sie, wenn man wie wir in einem Ghetto lebt, entwickelt man andere Beziehungen zueinander." Der Staat als Gefängnis, aber die Kunst als heiliges Refugium?
"Natürlich stellte die Musik - zumal die, die die ehemalige DDR exportierte - einen politischen, weil repräsentativen Faktor dar. Trotzdem haben sehr viele Leute nie etwas gegen ihr Gewissen getan. Ich wünschte mir, dass das verstanden wird. Wir hatten hier doch auch eine Verantwortung, wir hatten Kinder, eine Stelle und die Musik auch für all diejenigen, die eben nicht raus konnten." In unserer Magengrube stellt sich ein mulmiges Gefühl ein. Wir denken an die vielen, die psychisch revoltierten oder gezwungen wurden, das Land, ihr Land, zu verlassen. Aber Freiheit, heißt es, sei ein relativer Begriff, hüben wie drüben. Davon ist Barbara Sanderling überzeugt und von der absoluten Unbestechlichkeit einer künstlerischen Leistung: "Wenn die Studenten heute die Tür der Hochschule hinter sich zumachen, dann ist die Realität knallhart. Darauf müssen wir sie vorbereiten. Gewiss, das technische Niveau ist heute wesentlich höher als früher. Das ist nicht anders als im Sport: höher, weiter, schneller. Mir aber geht es um andere Werte. Unser ganzes Leben ist so hektisch, wie soll ich da einem Studenten vermitteln, dass er sich in die Musik versenken soll? Außerdem bilde ich an meinem Instrument in erster Linie Orchestermusiker aus. Das heißt: Der Student soll später einmal in der Lage sein, seine Befriedigung daraus zu beziehen, dass er nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe ist. Wer will das schon, frage ich Sie, wer kann das eigentlich noch?"


Die Antwort fällt leicht: Viele werden es können, noch mehr werden es wollen. Denn das Augen- und Ohrenmerk fällt stets auf diejenigen, die es geschafft haben und die heute als Absolventen der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" ganz oben stehen: auf Christine Mielitz und Sebastian Weigle, auf Jochen Kowalski, Siegfried Matthus, Antje Weithaas, Jan Vogler und Isabel Faust, auf Michael und Thomas Sanderling, Susanne Grützmann, Sylvia Geszty und Roman Trekel, auf das Vogler- wie auf das Petersen-Quartett und viele andere mehr. Und auch der einmal im Jahr von der Hochschule vergebene Hanns-Eisler-Preis für Komposition und Interpretation zeitgenössischer Musik schafft starke Anreize, fordert Leistung und Kreativität heraus. Das spannendste und kühnste Projekt aber stellt das Jahr 2002 in Aussicht: Da geht die Wilhelmstraße an die deutsche Bundesregierung zurück und sollen die ersten Räume im frisch umgebauten Marstallgebäude bezugsfertig sein. Man stelle sich vor: Wo vor hundert Jahren auf zwei Etagen rund 350 kaiserliche Pferde ein wahrlich kaiserliches Dasein führten, da wird fortan komponiert, dirigiert, musiziert, inszeniert, kurz: Kunst gemacht. Dann endlich ist die Hochschule für Musik um einen Orchesterprobensaal, zwei kleinere Kammermusiksäle und jede Menge perfekt schallisolierter Übezellen reicher. Vor allem aber darf der "Öffentlichkeitsfaktor" des neuen Standorts in der Stadt für die Stadt nicht unterschätzt werden: Den Palast der Republik im rechten Auge, das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR im linken, das Stadtschloss der Hohenzollern möglicherweise vor dem inneren, geistigen, sowie, in unmittelbarer Nachbarschaft, die leuchtenden Denkmäler einer selbstbewussten (alten? neuen?) Hauptstadtkultur: der Berliner Dom, die Staatsoper Unter den Linden, die Museumsinsel.
Nie waren sich Macht und Musik, Musik und Gesellschaft näher als hier. Dem alten Hanns Eisler zu Ehren? Weit und leer gähnt der Schlossplatz an Wintertagen. Viel Platz für Visionen, für Töne und Zwischentöne, für unerhört kühne Gedanken. Viel Platz für Zukunft. "Es geht um Länge, Höhe und Breite", hat der Architekt Daniel Libeskind einmal geschrieben, "aber es geht auch um die Tiefe von Hoffnung und Erinnerung. Das 21. Jahrhundert braucht ein BERLIN, in dem HUMANISMUS so groß geschrieben wird, dass alle es lesen können."
