Liebe Studentinnen und Studenten,
Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
sicher kennen Sie alle die hellsichtige Bemerkung des großen Künstlers und Komikers Karl Valentin: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit".
Kunst zu studieren, Kunstwerke hervorzubringen, uns – Ihr Publikum – mit Kunst zu beglücken, dafür sind Sie hierher gekommen, und ich verneige mich in Respekt vor Ihnen, den nachwachsenden Künstlern. Sehr herzlich begrüße ich Sie hier heute Abend zur Semestereröffnung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler.
Sie wollen sich der Arbeit, die immer mit guter Kunst verbunden ist, stellen – Sie nehmen die Herausforderung an. Bravo!
Und noch viele "Bravos" werden Ihren künstlerischen Lebens- und Berufsweg begleiten, da bin ich sicher. Denn wer einen Studienplatz an der Hanns Eisler-Hochschule erhalten hat, der kann sich glücklich schätzen, Sie gehören schon jetzt zur Elite, zur Bestenauswahl.

Kommen wir noch einmal zum Ernst des Lebens:
Liebe Studentinnen und Studenten, Sie sind hier, weil Ihnen in den kommenden Semestern eine musikalische Hochschulbildung vermittelt werden soll. Als Mitglied im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung und vorher als wissenschaftspolitische Sprecherin im Berliner Abgeordnetenhaus weiß ich: Nichts ist so wichtig als Voraussetzung für ein erfülltes Leben wie eine gute Bildung.
Was ist eine "gute Bildung"? Gute Bildung stellt den ganzen Menschen in den Mittelpunkt. Diese Erkenntnis finden wir bei Humboldt und Kant, bei Goethe und Pestalozzi. Gute Bildung geht nicht in erster Linie von gesellschaftlichen Bedürfnissen oder den Anforderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes aus. Zuallererst hilft gute Bildung uns, das zu entwickeln, was in jedem einzelnen von uns steckt.
Eine solche Chance wird Ihnen hier gegeben. Bildung bedeutet nicht nur Wissen und Qualifikation, sondern auch Orientierung und Urteilskraft. Bildung hilft, die Welt und sich selbst darin kennen zu lernen. Aus dem Wissen um das Eigene kann der Respekt für das Andere wachsen. Und sich im Nächsten selbst erkennen, heißt auch: fähig sein zu Empathie/ Einfühlung und Solidarität. Denn Bildung ohne Herzensbildung ist keine Bildung.
Erst wenn Wissen und Wertebewusstsein zusammen kommen, erst dann ist der Mensch fähig, verantwortungsbewusst zu handeln. Ich denke, das ist das ehrgeizigste und höchste Ziel von Bildung.
Gute Bildung ist und bleibt für den Einzelnen auch die wichtigste Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung und berufliches Fortkommen. Zwar bietet selbst Bildung keinen absoluten Schutz vor den Risiken am Arbeitsmarkt. Aber die Berufs- und Beschäftigungschancen eines Menschen steigen, je besser er gebildet und ausgebildet ist. Gute Bildung ist deshalb eine besonders wirksame Form der sozialen Absicherung.

Übrigens ist auch unsere Demokratie auf Bildung angewiesen. Unsere freiheitliche Gesellschaft lebt davon, dass mündige Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für sich und für das Gemeinwohl übernehmen.
(Eine Diktatur kann sich ungebildete Menschen leisten – nein: sie wünscht sich die sogar. Eine Demokratie dagegen braucht wache und interessierte Bürger, die Ideen entwickeln und Fragen stellen. Wo die Staatsgewalt vom Volk ausgeht, da kann es nicht gleichgültig sein, in welcher geistigen Verfassung sich das Volk befindet. Und: Wer Populisten, Extremisten und religiösen Fanatikern widerstehen soll, braucht dafür Bildung.)
Lernen, auch die Musik zu erlernen, ist also mehr denn je eine Lebensaufgabe.
Deshalb sollten wir alle denjenigen Respekt zollen, die Bildung vermitteln und auch denen, die sie sich mit Eifer aneignen. Denn: Bildung braucht Anerkennung! Das ist immer noch der stärkste Motivationsfaktor.
Bildung braucht aber auch Anstrengung! Um etwas zu lernen – ob nun eine Mathematikformel oder ein Musikinstrument, ob Judo oder Vokabeln – braucht man Zielstrebigkeit, Übung und Ausdauer. Das macht nicht immer Spaß, aber die Mühe wird meist belohnt – mit der Freude am Erfolg.
Hier bin ich unter Künstlern, und solchen, die es werden wollen. Da ist es vielleicht sogar überflüssig, Sie dazu aufzurufen, dieses Kunst-, dieses Musikstudium mit großer Leidenschaft aufzunehmen. Denn ein "Studium ohne Leidenschaft ist wie ein Essen ohne Genuss" (Markschies) – und das wäre doch schrecklich, nicht wahr?
Und Sie, die neuen Studierenden hier, haben ja ein besonderes Glück: Sie studieren in Berlin – und Berlin ist eine leidenschaftliche Stadt! Berlin ist geradezu zum Symbol für Offenheit und große Vielfalt geworden (darauf sind wir Berliner sehr stolz).
Und Berlin ist Kultur. Dem Föderalismus geschuldet, gibt es in Deutschland ja keine Kulturhauptstadt, aber eine kulturell strahlende Hauptstadt ist Berlin allemal.
Berlin hat mehr Museen als Regentage und knapp zehnmal so viele Museumsbesucher wie alle Fußball-Bundesligaspiele in einer ganzen Saison.
Allein die 17 staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bilden den größten Museumskomplex des Kontinents. Hinzu kommen umfangreiche Spezialsammlungen von überregionaler Bedeutung wie das Bauhaus-Archiv, das Brücke-Museum, das Deutsche Technikmuseum, das Jüdische Museum, usw., usw. und mehr als 400 international bedeutsame Galerien samt der Ende des Monats wieder glänzenden Kunstmesse art forum berlin.
Deutschland ist das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt. Allein 150 Bühnen machen Berlin zur bedeutendsten deutschen Theaterstadt – nutzen und genießen Sie dieses Angebot!

Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle und weitere acht große Orchester mit Dirigenten von Weltruf sorgen für ein einzigartiges Angebot an klassischer Musik.
Mit dem Friedrichstadtpalast besitzt Berlin das größte Revue-Theater Deutschlands.
Und die vitale Off-Szene – und für Sie besonders interessant: auch eine mittlerweile fast unüberschaubare Club-Landschaft – produziert immer wieder frische Impulse und ausgefallene Ideen.
Zahlreiche Groß-Veranstaltungen füllen den Kultur-Kalender der Stadt.
Im Februar rollen die Internationalen Filmfestspiele den roten Teppich für die Stars aus.
Im Mai präsentiert das Theatertreffen eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters.
Zu Pfingsten (Mai/Juni) bringt der Karneval der Kulturen die Berliner auf die Straßen.
Im Juni vereint das Internationale Literaturfestival Autoren und Leser.
Im August und September kommt die Crème de la Crème der internationalen Theater- und Tanzszene zu den Berliner Festwochen.
Und im November gibt das Jazzfest den Ton an.
Gehen Sie also nicht nur in Ihre wunderbare Hanns Eisler-Hochschule, gehen Sie hinaus in die Stadt – machen Sie ganz Berlin zu Ihrem Campus!

Ihr Rektor Prof. Weigle, hatte mich gebeten, einige Sätze zum Thema Föderalismus zu sagen. Ich tue das zwar gern, fürchte aber, dass ich die Studierenden mit einem so abstrakten Thema langweilen würde.
Daher nur soviel: Wie Sie alle wissen, sind in Deutschland die Zuständigkeiten auf den Bund und 16 Bundesländer verteilt, die Kultur- und die Bildungshoheit liegen bei den Ländern.
Das ist gut so, denn nur so wird der Vielfalt der Mentalitäten, der politischen Meinungen und auch der Möglichkeiten, derartig wichtige gesellschaftliche Bereiche zu gestalten, Rechnung getragen. Diese Stärkung dieser föderalen Strukturen in der vor kurzem beschlossenen Föderalismusreform hat dann auch nichts mit Kleinstaaterei zu tun, es ist auch keine Verfassungsfolklore, wie der damalige Staatsminister für Kultur, Naumann, das einmal polemisch zuspitzte.
Vielmehr wollen sich die selbstbewußten Bundesländer nicht vom Bund in ihre hoheitlichen Aufgaben hereinreden lassen, wenn sie selbst den Löwenanteil der Finanzierung derartiger Leistungen zur Verfügung stellen.
In der Kultur heißt das: Die Länder beteiligen sich mit 47 Prozent an der Kulturfinanzierung, die Kommunen mit 43 Prozent und der Bund mit 10 Prozent – in der Bildung ist es ähnlich.
Allerdings verhehle auch ich nicht, dass ich mir manchmal eine größere Autorität des Bundes wünschte, wenn es zum Beispiel um einheitliche Lehrmittel an den Schulen oder um ein Zentralabitur geht.
Es kommt hinzu, dass der Kultusministerkonferenz nicht ohne Grund vorgeworfen wird, sie sei der "letzte Hort der Reaktion" (so kein Geringerer als Helmut Kohl) – denn das dortige Einstimmigkeitsprinzip bei wesentlichen Entscheidungen ist in der Tat anachronistisch und steht dem Wesen des Föderalismus, nämlich seinem Wettbewerbgedanken, diametral entgegen.
Aber lassen wir es bei diesem kurzen Ausflug in unsere Gesellschaftsarchitektur.
Wichtiger ist der Konsens darüber, dass die Kultur kein "Kostgänger" des Staates ist und Kulturförderung keine Subvention, sondern eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft bedeutet.
Und einer weiteren Einsicht fühlt sich die Kulturpolitik in Deutschland verpflichtet: Dass Kunst und Kultur Freiräume brauchen, um sich entfalten zu können, Sie brauchen Inspiration, Anstöße, den öffentlichen Diskurs. Was sie nicht brauchen, sind autoritative Vorgaben. Zum Selbstverständnis der öffentlich geförderten Kultur gehört die Bereitschaft zum Experiment. Dies schließt die Möglichkeit des Scheiterns mit ein.
Nur so kann neben der Bewahrung unseres reichen kulturellen Erbes auch Neues entstehen, Avantgarde eben. Kulturfragen müssen in einer Gesellschaft immer offene Fragen bleiben. Kultur ist in einer pluralistischen Gesellschaft immer eine plurale, heterogene Kultur, eine Kultur, die auch provoziert, herausfordert, die Tabubrüche begeht und Ärgernis erregt. In alldem spiegelt sich, reflektiert sich unser öffentliches Bewusstsein, gerade in der Kulturnation Deutschland.
Diese so verstandene Kultur ist nicht das Ergebnis des Wirtschaftswachstums, sondern sie ist dessen Voraussetzung. Die Avantgarde geht der Wirtschaft, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, voraus. Kulturelle Existenz ist keine "Ausstattung", die eine Nation sich leistet, sondern sie ist eine Vor-Leistung, die allen zugute kommt – nicht zuletzt deshalb, weil sie Eliten an den Ort bindet.
Sie, die Sie hier studiert haben und studieren werden, sind diese Elite. Sie sind ausgewählt, einen solchen Kulturbegriff mit Leben zu erfüllen. Nutzen Sie Ihre Chance! Sie sind schon heute der wertvollste Teil unserer Kultur, auf die wir hier in Deutschland und auch hier in Berlin zu recht so stolz sind: Denn ohne Sie, die Künstler, gäbe es unsere Kultur ja gar nicht.
Ich wünsche Ihnen Leidenschaft, Kraft und am Ende sehr viel Erfolg in Ihrer künstlerischen Arbeit.
Vielen Dank!